Predigten zum Nachlesen

Auf dieser Seite finden sich Predigten von Jürgen Braun, Jugendreferent im Kirchenbezirk Reutlingen

Der Christ – ein Eichhörnchen?

Liebe Gemeinde,
in meinem Urlaub war ich mit meiner Frau im Norden Englands, in dem wunderschönen Chester. Einer unserer Lieblingsplätze dort war ein großer Park. Eigentlich war er nicht besonders schön angelegt, weil er gerade im Umbau war. Aber man konnte eines dort ganz toll: Tiere beobachten. Besser gesagt Eichhörnchen, die es da unzählige gab, und Tauben, von denen es noch mehr gab. Zwei Tiere, die sich in ihrer Art zu leben völlig unterscheiden.

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Da sind die Eichhörnchen. Sie sorgen vor. Sie sammeln die Nahrung und transportieren sie dann zu einem ihrer vielen kleinen Verstecke, um für die kalte Jahreszeit vorbereitet zu sein.
Und dann sind da die Tauben. Sie leben quasi in den Tag hinein von der Hand in den Mund. Sie leben von dem, was sie täglich finden. Auch im Winter.

Zwei Tiere, die sich in ihrer Art zu leben völlig unterscheiden. Die einen vertrauen wohl darauf, dass sie jeden Tag genug zu essen finden, die anderen scheinen lieber vorzusorgen und weniger darauf zu vertrauen, dass sie zur rechten Zeit etwas Essbares finden werden.
Und während ich das so beobachte stellt sich mir die Frage: Welches Tier entspricht uns eigentlich mehr? Die Taube, die jeden Tag von der Hand in den Mund lebt, oder das Eichhörnchen das vorsorgt?
Wenn ich ehrlich bin, dann ist das bei mir wohl eher das Eichhörnchen und bei vielen von euch bestimmt auch:
Da gibt es eine große Gefriertruhe, mit Platz um Allesmögliche einzufrieren, damit man immer was zum Essen im Haus hat.
Da gibt es das Bankkonto, auf dem immer etwas zurückgelegt wird für Zeiten, in denen man darauf angewiesen sein könnte.
Da gibt es die private Rentenversicherung, mit der ich mich heute schon gegen die Altersarmut absichern möchte.
Eichhörnchen passt da eigentlich ganz gut als Vergleich, finde ich.
Aber dann lese ich davon, wie Jesus seine Jünger beten lehrt. Im Vater Unser heißt es: Unser tägliches Brot gib uns heute! Nicht unser Brot gibt uns jetzt für die nächsten 5 Tage oder wie lange Brot eben frisch bleibt. Sondern gib uns heute das, was wir heute brauchen. Nichts mit Vorsorgen. Täglich neu Gott um das nötige zum Leben bitten. Je bedürftiger, desto aufrichtiger das Gebet. So jedenfalls könnte man das verstehen.
Und da stellt sich mir schon die Frage: Wie passt das zusammen? Dass ich auf der einen Seite lebe wie ein Eichhörnchen. Und auf der anderen Seite steht hier was vom täglichen Beten für das Lebensnotwendige. Wiederspricht da mein Eichhörnchen-Leben nicht dem Leben wie Gott es sich wünscht?
Müssen wir unser Eichhörnchen-Dasein aufgeben und zu Tauben werden, um so beten zu können, wie Jesus es uns gelehrt hat?
Abstimmung: Wer denkt, dass Christen wie Tauben sein sollten? Wer denkt, dass Christen wie Eichhörnchen sein dürfen?
Mit zwei biblische Geschichten will ich versuchen eine Antwort zu geben. In beiden geht es um Essen, um Gottes Willen und um das Thema Vorsorge.
Zum einen ist da das Volk Israel in der Wüste. Es ist unzufrieden mit seiner Situation. Die Israeliten haben Angst in der Wüste zu verhungern. Sie kämpfen täglich ums Überleben, denn Vorräte gibt es längst keine mehr. In dieser Situation verspricht Gott: Ich lasse euch nicht im Stich. Ich versorge euch mit allem, das zum Leben nötig ist! Am Abend soll es Fleisch geben und am Morgen sollt ihr euch am Brot sattessen können.

Und tatsächlich: Gott hält sein Versprechen. Er lässt die Israeliten nicht im Stich. Abends lassen sich viele Wachteln im Lager der Israeliten nieder, die leicht zu fangen sind. Und morgens bedeckt ein seltsamer Tau die Wüste, der zu einer köstlichen Nahrung wird. Zu Manna.
Nur eine Anweisung gibt Gott dazu: Sammelt nur so viel Manna, wie ihr für den heutigen Tag benötigt. Nicht mehr. Nur so viel, dass ihr heute davon satt werdet.
Einige versuchen dann zwar wie ein Eichhörnchen das Manna zu sammeln und aufzubewahren, doch sie müssen bald feststellen: Das Manna wird schlecht wenn man es aufbewahrt. So lassen sie es schließlich und können nichts anderes tun als jeden Tag darauf zu vertrauen, dass Gott sie gut versorgen wird.
Jeden Tag neu vertrauen die Israeliten nun darauf, dass Gott sie nicht im Stich lässt. Sie vertrauen darauf, dass er es gut mit ihnen meint. Dass er hält, was er verspricht: Ich versorge euch mit dem, was ihr zum Leben braucht. Und Gott enttäuscht dieses Vertrauen nicht und so wächst Tag um Tag das Vertrauen, dass sie mit allen ihren Bedürfnissen zu Gott kommen können und er sie dann nicht im Stich lässt.
Unsere Frage war: Wiederspricht mein Eichhörnchen-Leben nicht dem Leben wie Gott es sich wünscht?
Mit dieser Geschichte vom Manna in der Wüste ist die Antwort doch klar: Ja. Klipp und klar hat er gesagt: Sammelt nicht! Also taue deine Gefriertruhe ab. Kündige deine private Rentenvorsorge. Löse dein Sparbuch auf. Und vertraue Gott.
Doch dann ist da noch diese andere Geschichte. Sie geht dem Auszug aus Ägypten voran und zeigt etwas anderes. Es ist die Geschichte, warum das Volk Israel überhaupt nach Ägypten kommt und sie hat auch etwas mit Essen zu tun. Es ist die Geschichte von Josef.
Josef ist ein Mann, der Träume deuten kann, in denen Gott spricht. Wie er die Träume deutet passt allerdings nicht jedem. Besonders nicht seinen Brüdern, die ihn für einen Spinner halten. Er wird von ihnen nach Ägypten als Sklave verkauft. Aber neben allem Schrecklichen erlebt er dort: Gott lässt mich nicht im Stich.
Eines Tages hat der Pharao einen seltsamen Traum, den niemand deuten kann. Er träumt davon, dass 7 fette Kühe aus dem Nil steigen. Gut genährt sehen sie aus. Doch dann steigen 7 magere Kühe aus dem Nil und verschlingen die 7 fetten Kühe. Doch die 7 mageren Kühe bleiben hässlich und mager wie zuvor. Er träumt dasselbe noch einmal so ähnlich. Aber keiner kann ihm sagen, was es bedeuten soll.
Durch Gottes Führung wird schließlich Josef zum Pharao gerufen, dem er dann den Traum deutet: Gott wird 7 Jahre des Überfluss in Ägypten schenken, dann aber werden 7 Jahre Hungersnot über die ganze Erde kommen. Josefs Rat: Sorge in den 7 fetten Jahren vor! Errichte Kornspeicher und erhebe 20% Abgaben auf den Ertrag. Denn die 7 mageren Jahre werden kommen. Das jedenfalls hat Gott so angekündigt. Die Aufgabe wird Josef übertragen. Und Josef vertraut darauf, dass Gott hält, was er im Traum des Pharaos angekündigt hat. Im Vertrauen darauf, dass Gott hält, was er angekündigt hat, beginnt Josef in der Zeit des Überfluss für schlechte Zeiten vorzusorgen, damit das Leid vieler Menschen verhindert oder zumindest verkleinert werden kann. So ein riesen Projekt anzupacken braucht mindestens so viel Mut und Vertrauen wie es der Verzicht aufs Sammeln von Manna bedeutet.
Wiederspricht mein Eichhörnchen-Leben nicht dem Leben wie Gott es sich wünscht?
Mit dieser Geschichte müsste man also sagen: Nein. Sondern kauf die eine größere Gefriertruhe. Stocke deine Rentenversicherung auf und spare auf deinem Sparbuch soviel du nur kannst. Und vertraue Gott.
Die beiden Geschichten unterscheiden sich auf den ersten Blick sehr:
Einmal verhalten sich die Menschen wie Tauben. Sie leben jeden Tag von dem, was Gott ihnen gibt. Und Josef verhält sich wie ein Eichhörnchen. Er sorgt für die Zukunft vor.
Ein großer Gegensatz, doch beides scheint von Gott gewollt zu sein. Beides hat seine Berechtigung.
Denn die Geschichten haben eines gemeinsam: Sie handeln von Menschen, die ihr Leben im Vertrauen auf Gott Leben.
Da sind die Israeliten, die Gott vertrauen, dass er jeden Tag genug gibt. Und da ist Josef, der darauf vertraut, dass Gott ihn nicht im Stich lässt und hält, was er verspricht. Es geht um Menschen, die Gott in ihrem Leben vertrauen. Gott stellt die Frage: Vertraust du mir?
Für die Israeliten heißt die Antwort: Ja, wir vertrauen dir und sorgen nicht vor.
Für Josef heißt die Antwort: Ja, ich vertraue dir und darum sorge ich vor.

Warum diese zwei Geschichten?
Es geht mir darum die Bitte „unser tägliches Brot gib uns heute“ richtig einzuordnen und das zu sehen, was sie will.
Sie will uns nicht unbedingt verbieten vorzusorgen. Sie will uns nicht das Leben der Taube als einzige Möglichkeit für das Leben als Christ vorschreiben. Sondern sie will uns daran erinnern, dass wir unser Leben im Vertrauen auf Gott leben sollen.
Dass wir Gott unser ganzes Leben anvertrauen ist das Ziel dieses Gebets. Wie die Israeliten in der Wüste. Wie Josef in Ägypten.

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Ich sitze immer noch im Park und beobachte die Tauben und Eichhörnchen. Und ich mache eine überraschende Feststellung: Diese Eichhörnchen haben trotz ihrer eigenen Vorsorge und Absicherung eine sehr vertrauensvolle Beziehung zu den Menschen aufgebaut. Die Tauben flüchten, die Eichhörnchen kommen her.

Vorsorge und Vertrauen müssen sich nicht ausschließen.

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Woran liegt das, frage ich mich? Warum vertrauen diese süßen kleinen Kerlchen den Menschen so sehr, obwohl sie es nicht müssten?
Der Grund ist wohl der: Irgendwann haben sie mal die Erfahrung gemacht: Hier, bei diesen Menschen, wird mein Hunger gestillt. Wenn ich ihre Nähe suche, dann geht es mir überraschend gut.
Und seither kommen sie immer wieder zurück und bitten um eine Erdnuss. Und mit jeder Bitte vertieft sich das Vertrauen. Sie lernen: Diese Menschen meinen es wirklich gut mit mir. Meine Bitte wird erhört.
Auch für viele Christen steht die Erfahrung am Anfang, wie sie die Eichhörnchen machen: Hier wird mein Hunger gestillt. Das kann ganz praktisch gemeint sein. Da komme ich gerne zum Punkt 11, weil das Gemeindemittagessen so gut ist und ich dort satt werde, wie bei der Speisung der 5000. Aber es gilt auch im Übertragenen Sinn. Da gehe ich zum Gottesdienst und werde freudestrahlend begrüßt: Jemand freut sich, dass ich da bin. Mein Hunger, meine Sehnsucht nach Zuwendung wird gestillt. Wenn ich Gottes Nähe suche, dann geht es mir überraschend gut.
Aus dieser Erfahrung soll nun immer mehr das Vertrauen in Gott wachsen dürfen, dass er es gut mit mir meint. Und dazu soll uns das tägliche Gebet um Brot helfen.
Und es verhilft uns tatsächlich zu immer mehr Vertrauen zu unserem großartigen Gott. Denn die Bitte um das tägliche Brot erinnert uns zum einen daran, dass vieles in meinem Leben keine Selbstverständlichkeit ist, sondern ein großartiges Geschenkt.
Bei allen eigenen Bemühungen, bei aller eigenen Vorsorge ist es keine Selbstverständlichkeit, dass meine Gefriertruhe gefüllt ist und ich jeden Tag genug zu essen habe.
Bei allen eigenen Bemühungen ist es keine Selbstverständlichkeit, wenn man eine Arbeitsstelle hat, von der man gut leben kann und sogar etwas ansparen kann. Sie ist ein Geschenk.
Bei allen eigenen Bemühungen ist es keine Selbstverständlichkeit, dass ich bis ins hohe Alter recht fit und gesund bleibe. Es ist ein Geschenk.
Daran erinnern uns die Worte „Gib uns heute unser täglich Brot“. Sie erinnern uns daran: Gott meint es gut mit mir. Und das stärkt Vertrauen.
Zum anderen fordert uns Jesus mit diesem Gebet heraus: Vertraue dich mit all deinem Hunger Gott bedingungslos an. Ja, du darfst Gott wirklich sagen, wenn du Hunger hast. Und er wird etwas verändern. Ihm ist es nicht egal, ob du hungerst. Schließlich bist du doch sein Kind! Bring ihm deinen Hunger. Wahrscheinlich leidest du nicht unter Hunger im wörtlichen Sinn, das müssen in Deutschland Gott sei Dank die Wenigsten.
Aber bring ihm deinen Hunger nach Zeiten zum Ausruhen und Durchatmen in deinem Alltag.
Bring ihm deine Sehnsucht nach einer erfüllenden Aufgabe.
Bring ihm deine Erschöpfung und bitte ihn um seine Kraft.
Denn er ist dein Vater. Er sorgt für dich, sein Kinder. Vertraue ihm. Er wird nicht tatenlos zusehen, das verspricht Jesus selbst. Er sagt an einer anderen Stelle: Selig sind, die da hungert und dürstet nach der Gerechtigkeit; denn sie sollen satt werden. So vertrauensvoll mit Gott zu reden, ihm meinen Lebenshunger zu bringen und dabei zu spüren: Ihm ist es nicht egal! Er hört mich. Auch das stärkt weiter mein Vertrauen auf Ihn.
Jesus will, dass wir unser Leben im Vertrauen auf unseren himmlischen Vater gestalten. Und wie ich gelernt habe, geht das als Taube und als Eichhörnchen.
Als Taube, die lernt, dass sie nicht um jede bisschen Nahrung kämpfen muss. Weil es da einen gibt, der gerne gibt. Weil es da einen gibt, der sich freut, wenn ich zu ihm komme. Weil es einen gibt, der meine Bitte hört.
Einem, dem ich vertrauen kann, weil er es gut mit mir meint.
Unser Leben im Vertrauen auf unseren himmlischen Vater gestalten. Das geht aber auch als Eichhörnchen.
Als Eichhörnchen, das sich bewusst ist: Meine Vorräte sind nicht selbstverständlich, sondern ein großartiges Geschenk Gottes.
Als Eichhörnchen, das mit seinem Hunger zu dem kommt, der ihn wirklich stillen kann.
Als Eichhörnchen, das langsam und vorsichtig beginnt, seine Vorräte mit anderen zu teilen, weil es weiß: Meinem Gott kann ich vertrauen. Er meint es gut mit mir. Er wird mich jeden Tag mit dem versorgen, was ich zum Leben brauche. Er wird meine Hunger stillen.

Eichhörnchen oder Taube. Gott freut sich über Menschen, die ihm ihren Lebenshunger anvertrauen.
Herr hilf uns auf dich zu vertrauen.
Amen.

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Ein Kommentar zu “Der Christ – ein Eichhörnchen?

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Dieser Eintrag wurde veröffentlicht am 9. September 2013 von in Predigt.
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